Halboffene Weidelandschaften Drucken E-Mail

Das Prinzip der naturschutzorientierten Beweidung trägt auch den in Schleswig-Holstein geprägten Namen „Halboffene Weidelandschaft (HOW)“. Ursprünglich lag unser Schwerpunkt in der extensiven Beweidung auf klassischen landwirtschaftlichen Standorten, schnell kamen aber innovative Ideen mit der Beweidung von ehemaligen

Schäferhaus Savanne im Schäferhaus ziehende Galloways im Schäferhaus

Kiesgruben und Standortübungsplätzen hinzu. Ab Mitte der 90iger-Jahre wuchs dann die Erkenntnis, dass die bis dahin favorisierte Nullnutzung im Naturschutz nicht sonderlich zielführend in Hinblick auf die zu fördernden Arten war. Daraus resultierte die Einführung einer extensiven Ganzjahresweide mit Robustrinderrassen in schleswig-holsteinischen Naturschutzgebieten durch Bunde Wischen:

 
1996: NSG Reesholm (80 ha)
1996: NSG Bültsee (oligotropher See, 40 ha Weidefläche)
1998: Stiftungsland Schäferhaus Nordteil, heute 250 ha, incl. 50 ha Waldflächen
2003: Stiftungsland Schäferhaus Südteil, 120 ha
2004: NSG Höltigbaum im Kreis Storman am Rande Hamburgs (200 ha)
2004: NSG Schwansener See (30 ha)
2004: NSG Geltinger Birk (30 ha)
2007: NSG Holnis (50 ha inklusive einer rund 50-köpfigen Highland-Cattle-Herde)
2009: NSG Os bei Süderbrarup (8 ha)

Die bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die HOW‘s das Instrument des Naturschutzes auf großen Flächen sind, das die Artenvielfalt und Biodiversität positiv beeinflusst. Zusätzlich werden hochwertige Lebensmittel produziert und das System ist unter den derzeitigen Rahmenbedingungen des landwirtschaftlichen EU-Finanzsystems kostendeckend zu betreiben. Gerade für diesen letztgenannten Aspekt wird Bunde Wischen bundesweit gern als positives Beispiel angeführt.

Galloways am Bültsee Koniks Hochwasser auf Reesholm

Die Ganzjahresbeweidung ist ein Naturschutzkonzept mit eigenen Zielen, bei dem der Prozessschutz im Vordergrund steht. Er erhöht die kleinräumige Vielfalt von Lebensräumen und Biotopstrukturen, allerdings in einer nicht genau voraussagbaren Form. Der Strukturreichtum in Weidegebieten entsteht aus zwei Ursachen. Zum einen schaffen ihn die Weidetiere selbst, z.B. in Form von Weiderasen, Totholz, Trittspuren und Pfaden, Suhlen, Sandbadestellen und Kot (auch außerhalb der landwirtschaftlichen Weidesaison). Zum anderen können auf Ganzjahresweiden Strukturen belassen werden, die durch andere Prozesse entstehen und die eine anderweitige landwirtschaftliche Nutzung stören würden, z.B. Gehölz-Jungwuchs oder umgestürzte Bäume sowie in Auen Kleingewässer, Treibholz, Genist oder Sandablagerungen. Der Verzicht auf landwirtschaftliche Pflegemaßnahmen wie Mähen, Schleppen und Walzen vergrößert die Strukturvielfalt zusätzlich dadurch, dass Erdbaue von Kleinsäugern, Ameisennester oder Hochstaudenfluren nicht mehr zerstört werden. Mittelfristig kommt es außerdem zur Aufhebung der unnatürlichen und auch in der Kulturlandschaft historisch recht jungen Trennung von Wald und Offenland. Es bestehen jedoch noch Wissensdefizite darüber, wie sich bestimmte Biotope und Bestände mancher Arten unter einem Weideregime entwickeln. Die Vorkommen extrem seltener Arten – insbesondere Pflanzen – sollten daher zunächst mit erprobten Maßnahmen weiter gepflegt werden. Obwohl Hinweise auf eine „Weidetauglichkeit“ auch dieser Arten bestehen, sollten sie keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. Hinreichend belegt ist, dass Arten profitieren, die auf graduelle Übergänge (Ökotone) und Pionierstandorte wie Waldränder, Gewässerufer und Grasinseln angewiesen sind. Der fortlaufende Erkenntnisgewinn aus der Praxis der Weidebetriebe fördert auch das Verständnis für Prozesse und Wirkungsgefüge in der Naturlandschaft.
HOW Schäferhaus Krüger SA 2003 © Inke Rabe Krüger Nationalpark 2010 © Inke Rabe HOW im Schäferhaus

Die Konsequenzen für den Arten- und Biotopschutz in Mitteleuropa sind noch nicht absehbar. Die Grenzen der Weidelandschaftsökologie sind noch bei weitem nicht ausgelotet. Sicher ist aber, dass mit großen Weidetieren die europäische Biodiversität wirksam geschützt werden kann.
 

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