Megaherbivorie Drucken E-Mail

Eine der theoretischen Grundlagen des neuen Verständnisses unserer Landschaftsentwicklung ist eine unter dem Namen "Megaherbivorentheorie" bekannt gewordene These. Es geht dabei um den Einfluss großer pflanzenfressender Säugetiere auf die Landschaft. Im Folgenden sollen zunächst einige Grundannahmen der These erläutert und ihre Bedeutung für die naturgeschichtliche Entwicklung und die künftige Sicherung der für Mitteleuropa charakteristischen Biodiversität aufgezeigt werden.

Konik im Schäferhaus Gnus in der Kalahari 2003 © Inke Rabe

In Mitteleuropa existierte einst eine vielgestaltige Naturlandschaft, die nicht nur durch die bekannten abiotische Faktoren wie Klima, Wasser, Bodenbeschaffenheit und Gestalt der Erdoberfläche, sondern auch durch den Einfluss der großen Pflanzenfresser geprägt wurde. Von geschlossenen Wäldern bis hin zu parkartigen und offenen Gebieten gab es alle Übergänge. Die großen Herbivoren nahmen aufgrund ihrer Wechselwirkungen mit der Vegetation eine Schlüsselrolle innerhalb der Ökosysteme ein und schufen die Existenzgrundlagen für viele andere Tier- und Pflanzenarten.

Über lange Zeiträume gehörten große Pflanzenfresser zur natürlichen Tierwelt des kalt- und warmzeitlichen Mitteleuropas. Waldelefant, Mammut, Wald-, Steppen- und Fellnashorn, Höhlenbär und Riesenhirsch starben erst während oder kurz nach der letzten Eiszeit aus, die vor rund 12 000 Jahren endete - offenbar unter dem Einfluss steinzeitlicher Jägerkulturen. Im nacheiszeitlichen Mitteleuropa lebten dann - neben den heute noch verbliebenen Wildarten - auch Wisente, Auerochsen, Elche, Wildesel und Wildpferde. Sie waren integraler Bestandteil unserer Ökosysteme.

Schon der Einfluss, den unsere heute verbliebenen Wildarten und Haustiere auf die Vegetation ausüben, belegt die Bedeutung, die die vorgenannten Herbivoren für das Landschaftsbild und die Biodiversität gehabt haben. Eine lange Evolution hat zu einer Anpassung vieler Tier- und Pflanzenarten an den Weidegang großer Pflanzenfresser geführt.

sommerliches Bad Hluhluwe Büffel 2010 © Inke Rabe Breitmaul-Nashorn Hluhluwe 2010 © Inke Rabe Wasserstelle im Schäferhaus

Einige Huftierarten ernähren sich überwiegend von Gras und erhalten durch ihre Fraßtätigkeit Weiderasen. Das Schälen von Baumrinde und das Verbeißen junger Gehölze sorgen zusätzlich für Nahrung. Dort wo Gehölze verdrängt werden entsteht neue Bodenvegetation, die für zusätzliche Nahrung sorgt. Die Pflanzenfresser sind natürliche Faktoren für die Gestaltung der Vegetation und haben erheblichen Einfluss auf die Struktur einer Landschaft. Viele vermeintliche „Kulturfolger“ profitierten einst davon, dass die Großtiere das Entstehen großflächig geschlossener, besiedlungsfeindlicher Wälder verhinderten. Dieser Prozess wirkte in Mitteleuropa also schon vor der Kulturnahme durch neolithische Bauern.

Auch andere Aktivitäten großer Pflanzenfresser, wie die Anlage von Suhlen, Lagerstellen und Wechseln sowie die Abgabe von Kot und das Auftreten von Kadavern führten zu Sonderstandorten mit eigenem Artenspektrum und verbesserten die Ausbreitungsmöglichkeiten anderer Organismen. Selbst das Zertreten der Vegetationsnarbe, beispielsweise im Bereich von Tränken und Pfaden, schuf für eine Reihe heute bedrohter Pionierarten Lebensräume.

Plakativ könnte man zusammenfassen, dass die durch Huftiere geprägten, eng verzahnten Landschaftsmosaike aus offenen Böden, Weiderasen, Hochstaudenfluren, Röhrichten, Gebüschen, Wäldern und Sonderstrukturen, wie Tränken, Suhlen und Wechseln in erster Linie diejenigen Tiere und Pflanze fördern, die viel Licht, Wärme und aufgelockerte Vegetationsstrukturen zum Leben brauchen.

Die mitteleuropäische Naturlandschaft wäre jedoch nicht einfach gleichmäßig offener als das bisher vermutete dunkle Waldland, son­dern es wäre ein räum­lich wie auch zeit­lich sehr hetero­genes und dyna­mi­sches Mosaik der verschiedenen Biotoptypen mit einem Höchstmaß an Artenvielfalt und Biodiversität zu erwarten.
Während der schrittweisen und regionalen Ausrottung der Wisente, Auerochsen und Wildpferde durch Verfolgung und Siedlungsdruck übernahmen mehr und mehr deren domestizierte Nachfahren, wie z.B. Hausrinder und Pferde sowie Schafe und Ziegen die Gestaltung der Landschaften. Damit entstand über Jahrtausende eine Biotopkontinuität, die erst im 19. und 20. Jahrhundert durch die strikte Trennung von Wald und Weide unterbrochen wurde. Durch die Ausrottung der Wildformen von Auerochse und westlichem Wildpferd ist die ökologische Schlüsselfunktion der landschaftsgestaltenden „Raufutterfresser“ in natürlichen Lebensräumen nicht mehr besetzt.
Diese ökologische Nische der "Raufutterfresser" wird bei der Umsetzung von Halboffenen Weidesystemen durch möglichst ursprüngliche Haustiere ersetzt. Bei Bunde Wischen e.V. sind dies auf der Rinderseite Galloways und Highlands, auf der Pferdeseite das polnische Konik. Hinzu kommen die Heidschnucken im Höltigbaum bei Hamburg. Ziel ist es, den Anteil der offenen und halboffenen (Weide-) Landschaften in der Kulturlandschaft zu vermehren und somit die selten gewordenen Arten dieser Lebensräume zu fördern.

 

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